Interview mit Christine & Cornelia

9.March 2016

BIORAMA hat Christine & Cornelia zum Interview gebeten: http://www.biorama.eu/projekt-tansania/

BONUS:
10 Frauen – 10 Geschichten: Frauen des Africa Amini Alama Projekts werden vorgestellt: www.biorama.eu/starke-frauen/


Hier das Interview zum Nachlesen:

„Frauen haben das größte Veränderungspotential“

Mit der Initiative Africa Amini Alama setzen sich die Wiener Ärztinnen Christine Wallner und Cornelia Wallner-Frisee für mehr Rechte für Massai-Frauen ein.

Christine und Cornelia sind nicht nur Ärztinnen, sondern auch Mutter und Tochter. Gemeinsam betreiben die Wienerinnen eine Krankenstation, drei Schulen und ein Waisenhaus im Arusha Gebiet, im nördlichsten Teil Tansanias. Dort unterstützen sie Massai-Frauen durch ärztliche Mutter-Kind-Versorgung, betreiben Aufklärung und fördern Berufsausbildungen. Zum diesjährigen 105. Weltfrauentag haben wir mit den Initiatorinnen gesprochen.

BIORAMA: „Africa Amini Alama“ heißt so viel wie „Vertrauen in Afrika“ – das muss man wohl mitbringen, wenn man für die Gleichstellung der Geschlechter in Tansania kämpft?

Christine Wallner: Wir kämpfen nicht direkt für die Gleichstellung von Frau und Mann, vielmehr versuchen wir Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen sich Frauen besser entfalten können. In unseren Schulen und dem Waisenhaus betreuen wir 750 Kinder, jedes Jahr behandeln wir etwa 20.000 Patienten – mehr als die Hälfte davon sind Mädchen und Frauen. Vertrauen setzen wir in diesem Zusammenhang in unsere eigenes Tun, aber auch in die Menschen, mit denen wir arbeiten. Vertrauen ist eine Brücke, die Kommunikation zwischen Menschen erst möglich macht.

Cornelia Wallner-Frisee: Als Hilfsprogramm ist es nicht leicht, in Afrika Fuß zu fassen. Durch unsere ärztliche Tätigkeit gewinnen wir an Vertrauen in der Bevölkerung. Gerade am Anfang eines Projektes hat man viele Visionen und Vorsätze, die sich später nicht immer realisieren lassen. Trotzdem haben wir das Vertrauen in unsere Arbeit nie verloren. Ich bin zuversichtlich, dass das auch bei den Menschen in Tansania ankommt.

Ärztliche Mutter-Kind-Versorgung ist Kernbereich des „Africa Amini Alama“ Projekts. Bild: AAA

BIORAMA: Inwiefern zielen eure Projekte auf die Verbesserung der Situation von Massai-Frauen ab?

Wallner-Frisee: Die Massai im Norden Tansanias sind Halbnomaden. Während Massai-Männer mit den Tieren umherwandern und in unterschiedlichen Gegenden mehrere Familien haben, sind die meisten Frauen und Kinder inzwischen sesshaft. Die Frauen haben kaum Rechte, dagegen viele Pflichten wie Holz- und Wasserbeschaffung, Kindererziehung, Hausbau und das Melken von Ziegen und Kühen. Wir bieten ärztliche Versorgung, führen Frauenworkshops und vergeben Mikrokredite. So wollen wir den Massai-Frauen zu mehr Emanzipation verhelfen.

Wallner: Wenn es um gesellschaftliche Weiterentwicklung geht, haben Frauen das größte Veränderungspotential. Das sehen wir schon bei jungen Mädchen. In unseren Schulen betreiben wir Unterricht auf Augenhöhe und zeigen beiden Geschlechtern, was Chancengleichheit bedeutet. Durch Bildungsprogramme eröffnen wir den Frauen neue Perspektiven Das Schöne: Stärkt man das Selbstvertrauen der Frauen und Kinder, so wächst auch das Vertrauen der Männer in ihre Familien.

BIORAMA: 7 Jahre seid ihr mittlerweile in Tansania, was hat sich seitdem getan?

Wallner-Frisee: „Africa Amini Alama“ wurde 2009 von meiner Mutter gegründet. Angefangen hat alles mit dem Aufbau einer Krankenstation, heute beschäftigen wir schon 80 Angestellte, darunter viele Massai-Frauen.

Wallner: Von Gleichberechtigung sind wir natürlich noch weit entfernt. Besonders in der jungen Generation beobachten wir aber, dass sich traditionelle Rollenmuster im Umbruch befinden und immer mehr Frauen selbstständig ihren Weg gehen.

Wallner-Frisee: Wir fangen eben überall dort an, wo wir Handlungsbedarf sehen. Verbesserungen im Schul- und Gesundheitswesen fördern langfristig auch den Fortschritt von Frauen. Im Massaigebiet gibt es immer noch Gegenden, die trotz staatlichem Verbot, Genitalverstümmelung praktizieren. Beschneidung wird den Mädchen meist als Mutprobe verkauft. Wenn wir als Ärztinnen an solche Orte gelangen, sage ich den Mädchen meist: „Das Mutigste, das ihr tun könnt, ist einen Tag lang auf einer Schulbank neben einem Jungen zu sitzen.“

Das öffnet Türen, da kommt ein Lächeln und vielleicht sogar ein Umdenken. Man kann nicht gegen Strukturen ankämpfen, aber man kann versuchen, bessere ins Leben zu rufen.

Starke Mädchen: Das Waisenhaus in Momella ist Heimat von 40 Kindern. Bild: AAA

BIORAMA: Im Gegensatz zu Massai-Frauen genießt ihr sehr großes Ansehen bei den tansanischen Männern. Hat das mit der europäischen Herkunft zu tun?

Wallner: Für die Massai sind wir keine Frauen in ihrem herkömmlichen Sinne. Sie sehen uns vordergründig als Heilerinnen, die Medikamente verschreiben und für Schmerzlinderung sorgen.

Wallner-Frisee: Ich bin sehr stark im operativen Geschehen unserer Projekte tätig, muss täglich Entscheidungen treffen und mich dabei auch mit Massai-Männern austauschen. Es ist mehr die Art und Weise, wie ich den Männern gegenüber trete, als meine Geschlecht oder die europäische Herkunft. Viele Frauen in Tansania begegnen ihren Männern sehr devot, trauen sich teilweise nicht einmal, diese anzuschauen und schon gar nicht, mit Themen zu konfrontieren.

In meiner Funktion verkörpere ich nach Ansicht der Massai einen rein männlichen Part. Als Frau bin ich daher völlig unattraktiv.

BIORAMA: Am 8. März feiert Österreich zum insgesamt 105. Mal den Weltfrauentag. Ist ein internationaler Aktionstag immer noch nötig, um auf den Gender Gap aufmerksam zu machen?

Wallner-Frisee: Geschlechterspezifische Unterschiede gibt es nunmal, das ist Fakt. Man sollte diese aber nicht als Nachteil empfinden, sondern stolz auf die eigene Weiblichkeit sein. Ich finde es sehr schade, dass es keinen Weltmännertag gibt. Feiern sollte man nämlich beide Geschlechter.

BIORAMA: Für euer Engagement wurdet ihr letztes Jahr mit dem look! Women of the Year Award ausgezeichnet. Wie fühlt man sich als „Frauen des Jahres“?

Wallner: Wir haben den Preis in der Rubrik ‚Gesundheit‘ erhalten. Durch das Arztsein und die Zuneigung zu anderen Menschen lebe ich viel meiner Weiblichkeit aus. Dafür eine Anerkennung zu bekommen, ist toll! Als Frau ist es für mich zum Glück selbstverständlich, zugleich Mutter, Großmutter, Ärztin und Geschäftsführerin sein zu können. Das macht mich stolz.

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